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Das Hühnerstall – Dogma

Von Boris / GreenLounge Permakultur

Erstmals publiziert auf permakulturei.de

Menschen, die Hühner halten wollen, tun in aller Regel als Erstes eines: sie bauen oder kaufen sich einen Hühnerstall.

Warum tun sie das? Weil sie ein Bild im Kopf haben, in dem die Elemente Huhn und Stall untrennbar miteinander verbunden sind.

Ich möchte dazu anregen, dies zu hinterfragen. 1

In der Permakultur helfen wir uns, indem wir so ziemlich alles gedanklich in Elemente und Funktionen unterteilen. Was also sind die Funktionen des Elements Hühnerstall?

Historisch hat der Hühnerstall in erster Linie die Funktion, den Vögeln einen sicheren Unterschlupf für die Nacht zu bieten, d. h. sie vor Raubtieren zu schützen. Klassisch ist der Fuchs, der bekanntlich ziemlich schlau ist und Hühner zum Fressen gerne hat.

Es gibt allerdings heute zahlreiche Elemente, die es früher nicht gab, die diese Funktion deutlich besser erfüllen können, wie Maschendraht und mobile Elektrozäune.

Abgesehen von der Funktion, das romantische Bild des Halters zu befriedigen, dient der Hühnerstall heutzutage vor allem dazu, möglichst viel Hühnerscheisse zu sammeln, damit der Halter möglichst viel damit beschäftigt ist, Hühnerscheisse wegzukratzen. Hühner defäkieren nachts am meisten und wie für so ziemlich alle Lebewesen, ist es auch für sie äußerst unhygenisch, in ihrer eigenen Scheiße zu leben.

Die zweite Funktion des Hühnerstalls, die mit der ersteren zusammenhängt, ist es, möglichst viele Milben zu züchten. Der vollgeschissene Hühnerstall, idealerweise mit Holzboden, ist das ideale Habitat für zahlreiche Arten von Milben. Einige davon sind lediglich unangenehm, andere gefährlich, denn sie können die Dinosaurierbeine der Hühner derartig zerfressen, dass diese nicht mehr laufen können.

Das am meisten diskutierte Problem in all den Hühnerforen im Internet sind Milben und wie man sie wieder loswird.

Die Industrie reagiert darauf, indem sie den Haltern besonders hochpreisige Modelle anbietet, bei denen das Holz als Schutz vor Milben mit PVC beschichtet ist. Dies ist ein typischer Fall vom kurieren der Symptome. Die Symptome sind die Milben. Die eigentliche Krankheit ist das Dogma vom Hühnerstall.

Beim Element Huhn kommen, wie bei allen lebendigen Elementen, zu den Funktionen noch Bedürfnisse hinzu. Anders ausgedrückt handelt es sich um eine Input-Output–Analyse.

Output (Funktion): Eier. Input (Bedürfnis): Futter. Für die industrielle Produktion reicht das im Wesentlichen schon.

Wenn wir allerdings eine möglichst naturnahe Haltung anstreben, müssen wir bei den Bedürfnissen tiefer gehen. Wenn du jemanden wirklich verstehen willst, musst du seine Geschichte kennen. Es ist hilfreich zu wissen, dass Hühner Waldvögel sind. Sie stammen aus den Urwälders Asiens, wo die Wildform, das Bankiva-Huhn2 noch immer lebt.

Auf Eierpackungen oder in den Zeitschriften der Bio-Supermärkte sieht man oft Bilder von Hühnern, die auf einer sonnenbeschienenen grünen Wiese gehalten werden. Das ist für Waldvögel kein ideales Habitat. Wesentliche Bedürfnisse der Tiere werden hier nicht erfüllt. Ein Hahn, der seine Funktion erfüllt, ist die meiste Zeit damit beschäftigt, von einem erhöhten Ansitz aus nach Raubvögeln und anderen Gefahren Ausschau zu halten. Hühner haben sehr gerne Unterstände, schattige Plätze, die sie vor praller Sonne schützen und unter denen sie sich sicher fühlen. Auf der grünen Wiese erfüllt oft ein Bauwagen diese Funktion, der ausserdem als Stall dient und Legeboxen enthält. Weitaus besser wären allerdings dichte Büsche und Bäume. Hühner sind Waldvögel.

Die zentrale Frage für den Permie-Hühnerhalter ist:

Welche Bedürfnisse haben die Tiere und wie kann ich sie mit möglichst wenig Aufwand an Zeit und Geld erfüllen?

Um das Dogma nochmal ganz deutlich zu busten: Hühner brauchen keinen Stall. Menschen brauchen einen Stall, um dem Bild in ihren Köpfen zu entsprechen. Milben brauchen einen Stall als Habitat.

Der Stall erfüllt also die Bedürfnisse der Menschen und der Milben, nicht die der Hühner.

Die Bedürfnisse der Hühner sind: Licht, Luft, Sonne. Schattige Plätze. Orte, an die sie vor Regen geschützt sind, wie dichtes Buschwerk. Viel Platz zum Picken und Scharren, idealerweise viel natürliches Futter in Form von Insekten, Würmern, Kräutern, Beeren, Früchten. Dies minimiert den Input an Kosten und Aufwand für Hühnerfutter und maximiert die Qualität der Eier. Ausserdem brauchen Hühner Plätze, die sich zum Aufscharren und Staubbaden eignen.

Kurz: Ein artgerechtes Habitat. Ideal wäre einen Wald mit Beerensträuchern und sonnigen Lichtungen mit zahlreichen Kräutern wie Brennnessel und Giersch.

Hühner sind nicht dumm. Sie wissen genau, was sie wollen und was ihnen guttut. Man muss ihnen nur zuhören bzw. sie aufmerksam beobachten.

Für die Nacht suchen Hühner nach erhöhten Plätzen. Wenn sie die Möglichkeit haben, flattern sie in einen Baum und schlafen dort.

Womit wir beim nächsten Bedürfnis wären: Schutz vor Raubtieren. Am gefährlichsten sind Füchse, Marder und Habichte.

Gegen Füchse und Marder leistet ein Elektrozaun hervorragende Dienste. Gegen den Habicht, der sich nach und nach vehement alle Hühner einer Herde holen wird, hilft nur eine rundum geschütze Voliere, oder die Vergesellschaftung mit Tieren, die zu groß für das Beuteschema des Habichts sind. Geeignet wären Ziegen oder Schafe, wobei diese das Habitat Wald zerstören. Rinder bestimmter Rassen und Schweine lassen sich in der Regel gut in ein Wald-Ökosystem integrieren, brauchen jedoch viel Platz. Die Vergesellschaftung mit Puten ist eine traditionelle Methode, die auch für kleinere Habitate geeignet erscheint.3

Ich wollte meine Hühner von Beginn an möglichst frei in meinem Waldgarten halten, einzig geschützt durch einen E-Zaun, musste aber letztlich wegen dem Habicht einen Kompromiss eingehen. Ich habe aus Dachlatten und Maschendraht begehbare Volieren gebaut. Die Volieren enthalten dicke Äste als Sitzstangen, einige überdachte Stellen zum Schutz vor Regen, Futter –und Wasserspender sowie Legeboxen. Die Legeboxen habe ich mit der Zeit optimiert, nachdem die Vögel sich draußen immer geschütze Plätze gesucht haben, um ihre Eier zu legen. Es ist ärgerlich, wenn man oft einen Haufen Eier irgendwo findet, sich aber nicht traut sie zu essen, weil man nicht weiß wie alt sie sind. Die Legeboxen sind rundum geschlossen und gerade groß genug, dass maximal zwei Hennen hineinpassen. Die Tiere haben das Bedürfnis, sich beim Legen besonders geschützt zu fühlen. Ich habe das Design der Boxen soweit optimiert, dass sie diese jetzt freiwillig dem Legen ins Buschwerk vorziehen.

Ein einziges Mal hatten einige meiner Tiere Milben. Es waren Tiere, die ich von jemandem gekauft hatte, der einen großen Hühnerstall hat. In meinen Volieren verschwanden die Milben nach einigen Tagen von selbst.

Immer, wenn ich im Garten bin, lasse ich die Tiere raus. Für die nahe Zukunft möchte ich mit der Vergesellschaftung mit Puten experimentieren, um die Vögel möglichst durchgehend draußen halten zu können.

Meine Hühner ziehen sich für die Nacht auf eine hohe Stange in der Voliere zurück. Die Scheisse, die sie in der Nacht abgeben, fällt auf den nackten Erdboden, um vom nächsten Regen weggeschwemmt und, da das ganze Gelände ein Hang ist, im ganzen Garten verteilt zu werden.

Element: Hühnerscheiße. Funktion: Den Garten düngen. Kein Input in Form von Arbeit meinerseits nötig.

This is where Permaculture really shines.

Ich möchte zudem jedem hühnerbegeisterten der halbwegs Englisch beherrscht empfehlen, den großartigen Artikel von Paul Wheaton zu lesen:

https://richsoil.com/raising-chickens.jsp

Bild von Jason Thompson (Flickr: Red Junglefowl) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

  1. Ich möchte dazu anregen, grundsätzlich alles zu hinterfragen, wie beispielsweise die kapitalistische Ökonomie, aber dies würde zu weit führen und soll hier nicht Thema sein.
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Bankivahuhn
  3. https://www.youtube.com/watch?v=YvuxYi9DHeU

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